Der POCUS-Lungenultraschall beurteilt vor allem die Pleura, pleuranahe Veränderungen, Flüssigkeit und typische Ultraschallartefakte. Das ist ein grundlegender Unterschied zu vielen anderen Ultraschalluntersuchungen: Die normale luftgefüllte Lunge lässt sich nicht wie Leber oder Niere vollständig durchschallen. Ein großer Teil der diagnostischen Information entsteht deshalb an der Grenzfläche zwischen Thoraxwand, Pleura und belüfteter Lunge.
Zu den zentralen Zeichen gehören Lung Sliding, A-Linien, B-Linien, Lung Pulse, Lung Point, Pleuraerguss und subpleurale Konsolidierungen. Keines dieser Zeichen sollte losgelöst vom Untersuchungsort und klinischen Kontext interpretiert werden. B-Linien sind beispielsweise kein Synonym für kardiales Lungenödem, und fehlendes Lung Sliding beweist allein keinen Pneumothorax.
Gerade bei akuter Dyspnoe kann die Kombination aus Lungen- und fokussiertem Herzultraschall schnell zusätzliche Orientierung liefern. POCUS ersetzt jedoch nicht automatisch Röntgen, CT, formale Echokardiographie oder andere notwendige Diagnostik. Entscheidend ist, welche konkrete klinische Frage mit ausreichender technischer Qualität beantwortet werden kann.
Inhalt
- Wie funktioniert Lungenultraschall trotz Luft?
- Typische POCUS-Fragestellungen
- Welche Sonde eignet sich?
- Untersuchungstechnik und Schallzonen
- Pleuralinie und Lung Sliding
- A-Linien
- B-Linien
- Pneumothoraxzeichen
- Pleuraerguss
- Konsolidierungen
- Lungen-POCUS bei akuter Dyspnoe
- Serielle Untersuchungen und Monitoring
- Grenzen des Lungenultraschalls
- Typische Fehlinterpretationen
- Sicherheit und Schallleistung
- Dokumentation und Qualität
- FAQ
- Quellen
Wie funktioniert Lungenultraschall trotz Luft?
Luft reflektiert Ultraschall an der Grenzfläche zum Gewebe sehr stark. Bei einer normal belüfteten Lunge wird deshalb nur ein kleiner Teil der tieferen Anatomie direkt dargestellt. Sichtbar sind vor allem Thoraxwand und Pleuralinie; darunter dominieren Artefakte.
Gerade diese Artefakte werden diagnostisch genutzt. Das AIUM beschreibt die Pleura als hyperechogene Linie und nennt unter anderem B-Linien als klinisch verwendete Bildartefakte. ACEP unterscheidet A-Linien als horizontale Reverberationen von B-Linien als vertikale Artefakte, die von der Pleuralinie ausgehen.
Wenn sich der Luftgehalt reduziert oder Flüssigkeit beziehungsweise konsolidiertes Gewebe bis an die Pleura reicht, kann Ultraschall tiefer eindringen. Dadurch werden beispielsweise Pleuraergüsse und pleuraständige Konsolidierungen direkt sichtbar.
Die physikalischen Grundlagen von Reflexion und Artefakten werden unter Ultraschall: Funktionsweise und Physik und Ultraschall-Artefakte vertieft.
Welche Fragen kann POCUS-Lungenultraschall beantworten?
Der Nutzen ist am größten, wenn vor dem Scan eine konkrete Frage festgelegt wird. Typische POCUS-Anwendungen sind:
- Gibt es sonographische Hinweise auf einen Pneumothorax?
- Ist ein Pleuraerguss vorhanden?
- Zeigt sich ein bilaterales oder fokales B-Linien-Muster?
- Ist eine pleuraständige Konsolidierung erkennbar?
- Gibt es Hinweise auf Atelektase beziehungsweise Verlust von Lungenbelüftung?
- Wie verändert sich ein bereits bekannter Lungenbefund im Verlauf?
- Kann eine Punktion eines Pleuraergusses bildgeführt geplant beziehungsweise durchgeführt werden?
ACEP führt Lungenultraschall unter anderem für Pneumothorax, alveolär-interstitielle Muster, Pleuraerguss und Konsolidierung auf. Die AIUM-Sicherheitserklärung beschreibt Lungenultraschall darüber hinaus als klinisch etabliertes Werkzeug in verschiedenen pulmonalen Fragestellungen.
Welche Ultraschallsonde eignet sich für Lungen-POCUS?
Die beste Sonde hängt von der Fragestellung ab. Ein einziges „Lungen-Setup“ ist daher nicht für alle Untersuchungen optimal.
| Fragestellung | Typische Sonde | Warum? |
|---|---|---|
| Pleuralinie / Pneumothorax | Linearsonde, häufig etwa 5–10 MHz | hohe Auflösung oberflächlicher Pleurastrukturen |
| B-Linien / interstitielles Muster | Konvexsonde, alternativ Linear | größeres Sichtfeld und ausreichende Tiefe |
| Pleuraerguss | Konvex oder Phased Array | tiefer costophrenischer Raum und gute Darstellung zwischen Rippen |
| Konsolidierung | Konvex; bei dünnen Patienten auch Linear | tieferes pleuraständiges Gewebe erfassen |
| Multi-Organ-POCUS | Konvex und/oder Phased Array, gegebenenfalls zusätzlich Linear | schneller Wechsel zwischen Lunge, Herz und Abdomen |
ACEP nennt für die oberflächennahe Pleuralinie eine hochfrequente Linearsonde und für interstitielle Muster, Pleuraerguss und tiefere Konsolidierungen häufig niedrigere Frequenzen mit Konvexsonde. Ein Phased Array kann besonders hilfreich sein, wenn enge Interkostalräume und gleichzeitig kardiale POCUS-Anwendungen berücksichtigt werden müssen.
Weitere Details stehen unter Ultraschallsonde für die Lunge und Linear vs. Konvex vs. Phased Array.
Wie wird die Lunge systematisch untersucht?
Es existiert nicht nur ein einziges universelles Scanprotokoll. Anzahl und Position der Untersuchungszonen hängen von Fragestellung, Zeitdruck und klinischem Umfeld ab. ACEP nennt für alveolär-interstitielle Fragestellungen beispielsweise ein Acht-Zonen-Schema und weist gleichzeitig darauf hin, dass in zeitkritischen Situationen kürzere fokussierte Ansätze verwendet werden können.
Für eine systematische Untersuchung ist es sinnvoll, jede Thoraxhälfte in reproduzierbare Bereiche zu gliedern, beispielsweise anterior, lateral und posterior. Bei Konsolidierungsfragen empfiehlt ACEP, die Regionen in mehreren Ebenen systematisch abzufahren.
- Fragestellung definieren: Pneumothorax, B-Linien, Erguss oder Konsolidierung?
- Patientenposition berücksichtigen: Luft und Flüssigkeit verteilen sich abhängig von der Schwerkraft.
- Passende Sonde und Tiefe wählen: Pleura oberflächlich, Erguss und Konsolidierung tiefer.
- Beidseits vergleichbar untersuchen: symmetrische Zonen erleichtern die Mustererkennung.
- Mehrere Interkostalräume erfassen: ein Einzelbild ist kein vollständiger Lungenscan.
- Befundmuster und Verteilung dokumentieren: fokal, multifokal, diffus, unilateral oder bilateral.
Pleuralinie und Lung Sliding
Die Pleuralinie erscheint unterhalb der Rippen als helle horizontale Struktur. Bei normal aneinanderliegenden parietalen und viszeralen Pleurablättern kann in B-Mode eine atemabhängige Bewegung sichtbar sein: das Lung Sliding.
ACEP beschreibt Lung Sliding als horizontale Hin-und-her-Bewegung der viszeralen Pleura gegenüber der parietalen Pleura im Atemrhythmus. Wird echtes Lung Sliding an einer Stelle sicher gesehen, spricht dies an dieser Stelle gegen einen Pneumothorax, weil sich beide Pleurablätter direkt gegenüberliegen müssen.
Fehlendes Lung Sliding ist dagegen nicht spezifisch für Pneumothorax. ACEP nennt unter anderem Apnoe, Hauptbronchusintubation, schwere Atelektase oder Konsolidierung, ARDS, Lungenkontusion, Pleurodese, schwere Fibrose und Zwerchfellnervenparese als mögliche Alternativen.
Ein weiteres dynamisches Zeichen ist der Lung Pulse: Herzbewegungen werden bei fehlender Belüftungsbewegung auf die aneinanderliegenden Pleurablätter übertragen. Das Vorhandensein eines Lung Pulse setzt eine Apposition der Pleuren voraus und spricht damit an dieser untersuchten Stelle gegen einen dazwischenliegenden Pneumothorax.
Was sind A-Linien?
A-Linien sind horizontale Wiederholungsartefakte unterhalb der Pleuralinie. ACEP erklärt sie durch wiederholte Reflexionen zwischen Schallkopf und stark reflektierender Pleura-Luft-Grenzfläche. Der Abstand der A-Linien entspricht dabei typischerweise einem Vielfachen des Abstands zwischen Schallkopf und Pleuralinie.
A-Linien sind typisch für gut belüftete Lunge, aber nicht automatisch ein Beweis für eine normale Lunge. Entscheidend ist die Kombination mit anderen Zeichen. Ein A-Linien-Muster mit sicherem Lung Sliding bedeutet etwas anderes als A-Linien bei fehlendem Sliding und fehlenden B-Linien.
Deshalb sollten A-Linien nie isoliert als Diagnose „normale Lunge“ dokumentiert werden. Ihr Wert entsteht aus dem gesamten sonographischen Profil und der klinischen Fragestellung.
Was sind B-Linien – und was bedeuten sie?

B-Linien sind vertikale, helle Artefakte, die von der Pleuralinie ausgehen. In der klassischen ACEP-Beschreibung reichen sie bis zum unteren Bildrand, bewegen sich mit der Atmung und überlagern A-Linien.
Wichtig ist die fachliche Einordnung: B-Linien sind Artefakte und keine direkt dargestellten Flüssigkeitssäulen. Sie entstehen bei veränderter akustischer Struktur der peripheren Lunge und können bei verschiedenen Erkrankungen auftreten.
ACEP unterscheidet grob zwischen Mustern:
- vereinzelte B-Linien: können auch in abhängigen Regionen einer normal belüfteten Lunge vorkommen,
- diffuse bilaterale und relativ symmetrische B-Linien: können im passenden klinischen Kontext für ein interstitielles beziehungsweise alveolär-interstitielles Flüssigkeitsmuster sprechen,
- fokale oder asymmetrische B-Linien: können unter anderem bei Pneumonie, Atelektase, Lungenkontusion, Infarkt oder anderen pleuralen beziehungsweise parenchymalen Veränderungen auftreten.
Damit gilt ausdrücklich: „B-Linien = kardiales Lungenödem“ ist zu einfach. Verteilung, Pleuralinie, Konsolidierungen, Ergüsse, Herzbefund und klinische Situation bestimmen die Interpretation.
Auch die Anzahl der B-Linien ist geräte-, sondierungs- und protokollabhängig. Für Verlaufskontrollen sollten daher möglichst dieselben Zonen, Einstellungen und Sondenbedingungen verwendet werden.
Welche Ultraschallzeichen sprechen für oder gegen Pneumothorax?
Beim Pneumothorax trennt Luft im Pleuraspalt viszerale und parietale Pleura. Dadurch verschwinden an der betroffenen Stelle Zeichen, die eine direkte Apposition der Pleurablätter voraussetzen.
| Zeichen | Bedeutung an der untersuchten Stelle | Wichtige Grenze |
|---|---|---|
| Lung Sliding vorhanden | spricht gegen Pneumothorax | gilt nur für die untersuchte Region |
| B-Linie vorhanden | setzt pleurale Apposition voraus und spricht gegen Pneumothorax | ebenfalls lokal begrenzt |
| Lung Pulse vorhanden | spricht für aneinanderliegende Pleurablätter | kann bei fehlender Ventilation auftreten |
| Lung Sliding fehlt | mit Pneumothorax vereinbar | nicht spezifisch; zahlreiche Alternativen |
| Lung Point | Übergang zwischen Pneumothorax- und normalem Pleura-Muster; sehr spezifisches Zeichen | muss nicht bei jedem Pneumothorax auffindbar sein |
ACEP beschreibt den Lung Point als dynamische Grenze, an der sich viszerale und parietale Pleura wieder annähern. Das Zeichen ist sehr spezifisch für Pneumothorax. Ein fehlender Lung Point schließt einen Pneumothorax jedoch nicht aus – insbesondere bei sehr großen Pneumothoraces kann die Übergangszone außerhalb des zugänglichen Untersuchungsbereichs liegen.
Bei liegenden Patienten sammelt sich freie Luft bevorzugt ventral. Deshalb wird die Pneumothoraxsuche häufig anterior begonnen und über mehrere Interkostalräume ausgeweitet. Ein normales Zeichen in einem einzelnen Schallfenster beschreibt nur diese Stelle.
Die traumabezogene Anwendung wird unter FAST und eFAST behandelt.
Wie sieht ein Pleuraerguss im Ultraschall aus?
Flüssigkeit im Pleuraspalt ermöglicht die Schallausbreitung in einen Bereich, der bei luftgefüllter Lunge normalerweise nicht direkt einsehbar ist. ACEP beschreibt einen Pleuraerguss typischerweise als anechogenen beziehungsweise echoarmen Raum zwischen parietaler und viszeraler Pleura.
Da Flüssigkeit schwerkraftabhängig verteilt ist, werden Ergüsse häufig basal und posterior beziehungsweise posterolateral gesucht. Dabei sollte das Zwerchfell sicher identifiziert werden, um pleurale von intraabdomineller Flüssigkeit zu unterscheiden.
Zusätzliche sonographische Zeichen können die anatomische Zuordnung erleichtern. Ein sogenannter Spine Sign kann beispielsweise entstehen, weil Flüssigkeit Schall in den Thorax überträgt und dadurch Wirbelstrukturen oberhalb des Zwerchfells sichtbar werden.
Ein einfacher anechogener Erguss und ein komplexer septierter Erguss können unterschiedlich aussehen. Aus der Echogenität allein sollte jedoch keine endgültige Ätiologie abgeleitet werden. Sonographische Morphologie kann die Einordnung unterstützen, ersetzt aber bei Bedarf keine weiterführende Diagnostik oder Flüssigkeitsanalyse.
Wie erscheinen Konsolidierungen im Lungenultraschall?
Wenn belüftete Alveolen durch Flüssigkeit, Zellen oder Kollaps ihre Luft verlieren und die Veränderung bis an die Pleura reicht, kann das betroffene Lungengewebe sonographisch direkt sichtbar werden. Es erhält dann eine gewebeähnliche beziehungsweise „hepatisierte“ Darstellung.
ACEP beschreibt pleuraständige Konsolidierungen als unregelmäßige, echoarme beziehungsweise gewebsähnliche Areale. Je nach Ursache können Luftbronchogramme, fokale B-Linien, pleurale Unregelmäßigkeiten oder begleitender Erguss auftreten.
Die entscheidende Grenze: Lungenultraschall kann eine Konsolidierung nur direkt darstellen, wenn die Veränderung die Pleura erreicht oder über ein geeignetes akustisches Fenster zugänglich ist. Zentral gelegene Herde, die vollständig von belüfteter Lunge umgeben sind, können sonographisch verborgen bleiben.
Auch eine sichtbare Konsolidierung ist nicht automatisch gleichbedeutend mit Pneumonie. Atelektase, Kontusion, Infarkt und andere Ursachen können ähnliche gewebeartige Muster erzeugen. Dynamik, Bronchogramme, Pleuralinie, Verteilung und klinischer Kontext helfen bei der Differenzierung.
Wie hilft Lungen-POCUS bei akuter Dyspnoe?
Akute Dyspnoe ist keine einzelne Ultraschalldiagnose. Der Nutzen von Lungen-POCUS liegt darin, mehrere mögliche Muster schnell am Bett zu prüfen und mit fokussiertem Herzultraschall und klinischen Daten zu kombinieren.
| POCUS-Muster | Mögliche Einordnung | Warum nicht allein diagnostisch? |
|---|---|---|
| bilaterale diffuse B-Linien | alveolär-interstitielles Syndrom; unter anderem kardiale Stauung möglich | auch nichtkardiale interstitielle Erkrankungen können B-Linien erzeugen |
| fokale B-Linien + pleurale Unregelmäßigkeit | lokaler pulmonaler Prozess möglich | mehrere Ursachen denkbar |
| subpleurale Konsolidierung | Pneumonie, Atelektase, Kontusion oder Infarkt möglich | Morphologie und Kontext müssen kombiniert werden |
| Pleuraerguss | Flüssigkeit im Pleuraspalt | Ursache sonographisch nicht immer sicher |
| fehlendes Sliding + weitere PTX-Zeichen | Pneumothorax wahrscheinlicher | fehlendes Sliding allein ist unspezifisch |
| A-Linien + Sliding | gut belüftete Lungenoberfläche an dieser Stelle | schließt zentrale oder andere Pathologie nicht aus |
Gerade bei Schock und Dyspnoe sollte Lungen-POCUS daher nicht isoliert stehen. Die Multi-Organ-Einordnung wird unter POCUS in Notaufnahme und Schockraum vertieft.
Kann Lungenultraschall für Verlaufskontrollen genutzt werden?
Ja, eine Stärke von Lungen-POCUS ist die einfache Wiederholbarkeit ohne ionisierende Strahlung. Veränderungen von B-Linien-Mustern, Ergussgröße oder aerierten beziehungsweise konsolidierten Bereichen können im Verlauf beobachtet werden.
Die Vergleichbarkeit hängt jedoch von einer möglichst standardisierten Untersuchung ab:
- gleiche beziehungsweise dokumentierte Scanregionen,
- vergleichbare Patientenposition,
- gleiche Sondenklasse und möglichst dasselbe Preset,
- vergleichbare Tiefe und Bildverarbeitung,
- gleiche Definition des verwendeten Scores beziehungsweise Befundmusters.
Ein scheinbarer Unterschied zwischen zwei Untersuchungen kann sonst aus geänderter Technik statt aus einer klinischen Veränderung entstehen.
Wo liegen die Grenzen des POCUS-Lungenultraschalls?
- Zentrale Läsionen: Veränderungen ohne Kontakt zur Pleura können hinter belüfteter Lunge verborgen bleiben.
- Subkutanes Emphysem: Luft in der Thoraxwand kann die Pleura verdecken und Artefakte erzeugen.
- Adipositas und Verbände: können Schallfenster und Bildqualität einschränken.
- Einzelne Zeichen sind unspezifisch: insbesondere B-Linien und fehlendes Lung Sliding brauchen Kontext.
- Regionale Untersuchung: ein normales Schallfenster schließt Pathologie in anderen Thoraxregionen nicht aus.
- Geräte- und Presetabhängigkeit: Frequenz, Fokus, Bildverarbeitung und Sondenwahl beeinflussen Artefakte.
- Untersucherabhängigkeit: systematische Akquisition und korrekte Pleuraidentifikation müssen trainiert werden.
Ein technisch nicht ausreichend darstellbarer Thoraxbereich sollte nicht als „negativ“ dokumentiert werden. Die korrekte Kategorie ist eingeschränkt beziehungsweise nicht sicher beurteilbar.
Typische Fehlinterpretationen beim Lungen-POCUS
| Fehlinterpretation | Problem | Präzisere Einordnung |
|---|---|---|
| „B-Linien = Lungenödem“ | B-Linien treten bei unterschiedlichen pulmonalen Veränderungen auf | Verteilung, Pleura, Herzbefund und Kontext kombinieren |
| „Keine B-Linien = gesunde Lunge“ | andere Pathologien können ohne B-Linien bestehen | konkrete Fragestellung und übrige Zeichen berücksichtigen |
| „Kein Sliding = Pneumothorax“ | fehlendes Sliding hat mehrere Ursachen | weitere PTX-Zeichen und klinischen Kontext prüfen |
| „Sliding vorhanden = gesamter Thorax ohne Pneumothorax“ | Zeichen gilt nur lokal | mehrere relevante Regionen untersuchen |
| „A-Linien = normal“ | A-Linien können auch bei Pneumothorax sichtbar sein | A-Linien zusammen mit Sliding und weiteren Zeichen interpretieren |
| „Konsolidierung = Pneumonie“ | auch Atelektase, Kontusion oder Infarkt möglich | Morphologie, Dynamik und Kontext kombinieren |
| „Anechogener Raum = Pleuraerguss“ | Anatomie und Zwerchfell können falsch zugeordnet werden | Zwerchfell, Wirbelsäule und angrenzende Organe sicher identifizieren |
| „Nicht gesehen = nicht vorhanden“ | zentrale oder verdeckte Läsionen bleiben unsichtbar | Beurteilbarkeit und Grenzen dokumentieren |
Ist Lungenultraschall völlig risikofrei?
Diagnostischer Lungenultraschall verwendet keine ionisierende Strahlung. Trotzdem sollte auch hier das ALARA-Prinzip – As Low As Reasonably Achievable – für die akustische Exposition gelten.
Das AIUM weist in seiner speziellen Sicherheitserklärung zum Lungenultraschall auf experimentell beobachtete pulmonale Kapillarblutungen bei bestimmten Ultraschallexpositionen in Tiermodellen hin. Für die klinische Praxis werden deshalb angepasste Lungen-Presets und eine bewusste Beachtung des Mechanical Index empfohlen.
Besonders relevant ist dies bei Neugeborenen mit sehr dünner Thoraxwand und häufig wiederholten Untersuchungen. Das AIUM empfiehlt hierfür einen neonatalen LUS-Sicherheits-Preset mit MI ≤ 0,3. Bei pädiatrischen und erwachsenen Patienten können aufgrund größerer Thoraxwanddicke andere angezeigte MI-Werte erforderlich sein; auch hier soll ALARA eingehalten werden.
Die praktische Konsequenz ist nicht, diagnostisch notwendige Lungenuntersuchungen zu vermeiden, sondern mit geeigneten Presets, ausreichender statt maximaler Schallleistung und möglichst kurzer notwendiger Expositionsdauer zu arbeiten. Weitere Grundlagen stehen unter Ultraschall: Sicherheit, Risiken und Grenzen.
Wie sollte Lungen-POCUS dokumentiert werden?
Eine nachvollziehbare Dokumentation sollte nicht nur den vermuteten Befund nennen, sondern den tatsächlich untersuchten Scope erkennen lassen. Sinnvoll sind:
- klinische Fragestellung,
- untersuchte Thoraxregionen beziehungsweise verwendetes Protokoll,
- relevante B-Mode- und gegebenenfalls M-Mode-Loops,
- Pleuralinie und Sliding, soweit relevant,
- Verteilung von A-/B-Linien-Mustern,
- Erguss oder Konsolidierung mit Lokalisation,
- technisch nicht beurteilbare Regionen,
- Interpretation im Rahmen der konkreten POCUS-Frage.
AIUM führt POCUS als eigenen Akkreditierungsbereich und verlangt für professionelle Ultraschallpraxis unter anderem Training, Qualitätssicherung, Befundberichte und Aufzeichnungen. Ein strukturierter Bild- und Befundworkflow ist daher auch bei Lungen-POCUS sinnvoll.
Allgemeine Grundsätze stehen unter Ultraschall-Befunddokumentation. Der Kompetenzaufbau folgt unter POCUS lernen: Kurse, Training und Kompetenz.
FAQ zum POCUS-Lungenultraschall
Was sieht man beim Lungenultraschall?
Vor allem Pleuralinie, Lung Sliding, A- und B-Linien-Artefakte, Pleuraergüsse und pleuraständige Konsolidierungen. Die normale luftgefüllte Lunge wird nicht vollständig direkt abgebildet.
Was bedeuten B-Linien?
B-Linien sind vertikale Ultraschallartefakte, die bei veränderter peripherer Lungenstruktur auftreten können. Diffuse bilaterale B-Linien können beispielsweise zu einem interstitiellen Flüssigkeitsmuster passen; fokale B-Linien haben andere mögliche Ursachen. Sie sind nicht spezifisch für eine einzelne Diagnose.
Sind einzelne B-Linien normal?
Ja. Vereinzelte B-Linien können insbesondere in abhängigen Lungenregionen auch bei Gesunden vorkommen. Für die Interpretation sind Anzahl, Verteilung und übrige Ultraschallzeichen wichtiger als das bloße Vorhandensein einer einzelnen B-Linie.
Was sind A-Linien?
A-Linien sind horizontale Reverberationsartefakte unterhalb der Pleuralinie. Sie treten bei belüfteter Lunge auf, sind aber allein kein Beweis für einen normalen Thoraxbefund.
Schließt Lung Sliding einen Pneumothorax aus?
Sicher vorhandenes Lung Sliding spricht an der untersuchten Stelle gegen einen Pneumothorax, weil viszerale und parietale Pleura dort aneinanderliegen. Es schließt jedoch keinen Pneumothorax in einer anderen, nicht untersuchten Thoraxregion aus.
Beweist fehlendes Lung Sliding einen Pneumothorax?
Nein. Fehlendes Sliding kann unter anderem bei Apnoe, Hauptbronchusintubation, Atelektase, Konsolidierung, ARDS, Fibrose oder nach Pleurodese auftreten. Weitere Zeichen und der klinische Kontext sind erforderlich.
Was ist der Lung Point?
Der Lung Point ist die sonographische Übergangszone zwischen einem Pneumothorax-Bereich ohne normale Pleura-Apposition und einer Region mit wieder aneinanderliegenden Pleurablättern. Das Zeichen ist sehr spezifisch, muss aber nicht bei jedem Pneumothorax auffindbar sein.
Kann Lungenultraschall eine Pneumonie erkennen?
Pleuraständige Konsolidierungen und begleitende Muster können eine Pneumonie unterstützen. Zentral gelegene Veränderungen ohne Pleuraanschluss können jedoch verborgen bleiben, und eine sonographische Konsolidierung ist nicht spezifisch für Pneumonie.
Kann man einen Pleuraerguss mit Ultraschall sehen?
Ja. Flüssigkeit im Pleuraspalt lässt sich sonographisch häufig gut darstellen, insbesondere in abhängigen basalen Regionen. Morphologie und Echogenität können zusätzliche Informationen liefern, bestimmen die Ursache aber nicht immer sicher.
Welche Sonde ist für Lungenultraschall am besten?
Für die Pleuralinie ist eine hochfrequente Linearsonde besonders geeignet. Für tiefere Konsolidierungen und Ergüsse wird häufig eine Konvexsonde verwendet; ein Phased Array kann bei interkostalen und kombinierten Herz-Lungen-Untersuchungen praktisch sein.
Hat Lungenultraschall Strahlenbelastung?
Nein, diagnostischer Ultraschall verwendet keine ionisierende Strahlung. Akustische Exposition ist dennoch nicht bedeutungslos; AIUM empfiehlt auch beim Lungenultraschall eine sicherheitsbewusste Anwendung nach dem ALARA-Prinzip und besondere Vorsicht bei Neugeborenen.
Der übergeordnete Einstieg in Definition, Einsatzfelder und Qualitätsanforderungen steht unter POCUS: Point-of-Care-Ultraschall. Die Anwendung bei Kreislaufstillstand und auf Intensivstation wird unter POCUS bei Reanimation und Intensivmedizin vertieft.
Quellen
Die technischen, diagnostischen und sicherheitsbezogenen Aussagen wurden am 9. August 2026 anhand aktueller beziehungsweise weiterhin maßgeblicher Fachgesellschafts- und Konsensusquellen geprüft.
- American College of Emergency Physicians (ACEP): Lung Ultrasound Sonoguide – A-Linien, B-Linien, Lung Sliding, Pneumothorax, Pleuraerguss, Konsolidierung und Untersuchungstechnik
- American Institute of Ultrasound in Medicine (AIUM), 16. Juli 2023: Statement and Recommendations for Safety Assurance in Lung Ultrasound – LUS-Bioeffekte, Mechanical Index und Sicherheits-Presets
- European Federation of Societies for Ultrasound in Medicine and Biology (EFSUMB): Guidelines & Recommendations – Best Practice Recommendations for the Safe Use of Lung Ultrasound 2023 und POCUS Clinical Practice Guidelines
- Demi L et al., 2023: New International Guidelines and Consensus on the Use of Lung Ultrasound, Journal of Ultrasound in Medicine 42(2):309–344, DOI 10.1002/jum.16088
- AIUM, 20. April 2026: Standards and Guidelines for the Accreditation of Ultrasound Practices – Training, Qualitätssicherung, Befundberichte und Aufzeichnungen einschließlich POCUS
Hinweis: Diese Seite dient der fachlichen Information über POCUS-Lungenultraschall. Sie ersetzt keine medizinische Ausbildung, keine lokale SOP und keine individuelle diagnostische oder therapeutische Entscheidung.


